Samstag, 26. April 2014

Barcelona, Part I



Die bösen Gedanken sind einfach mitgekommen, obwohl sie kein Flugticket hatten und nicht mal eingeladen waren. Beim Abflug hatte ich zwar das Gefühl, dass nicht nur mein Magen auf der Startbahn zurückgeblieben sei, sondern auch andere Dinge, vor allem solche, die ich nicht mitnehmen wollte. Aber spätestens im heißen Touristengetummel war alles wieder da, hallo, da sind wir, deine Ängste und Sorgen, immer dazu bereit, dir auf der Schulter zu sitzen, dir unsere Krallen in die Haut und Knochen zu drücken, bis du dich nicht mehr bewegen kannst, und dir gemeine Dinge ins Ohr zu flüstern.

Wäre meine Kamera nicht gewesen, ich hätte das Apartment gar nicht erst verlassen. Aber es schien mir, als würde sie mir jedesmal aufmunternt zunicken, wenn ich sie ansah und mir Mut geben und Kraft. Während ich um mich herum Gestöhne und Beschwerden hörte, "die Kamera ist so schwer, wieso habe ich sie überhaupt mitgenommen?", legte ich immer dann, wenn es gerade ganz schlimm zu werden schien, den rechten Zeigefinger auf den Auslöser meiner Kamera und drückte diesen zur Hälfte durch. Ich spürte, wie das Gerät aufwachte und innerhalb von Zehntelsekunden willkürtlich scharfstellte, Belichtung und ISO berechnete und bereit war, jederzeit das einzufagen, was ich sah. Diese Tatsache beruhigte mich meistens sehr.

Barcelona ist eine außergewöhnliche Stadt und die Mentalität der Menschen ist eine ganz andere, als man sie so kennt. Sie sind gelöst und impulsiv, emotional und authentisch. Obwohl sie kaum Englisch können, sind sie mitteilungsfreudig und sehr hilfsbereit. Sie sehen einen interessiert an und genieren sie nicht, wenn man sie dabei erwischt. Sie senken manchmal nicht einmal den Blick, sondern halten ihn und sehen einem direkt in die Augen. Braun und feurig trifft dann Blau und kühl.
Einmal ist mir genau das passiert, ich saß in der Metro, die gerade in eine U-Bahn-Station eingefahren war und mir gegenüber am Bahnsteig stand eine Gruppe junger Leute. Ein Junge, der mir zugewandt stand, unterhielt sich in Zeichensprache mit den anderen und ich musste ihn einfach ansehen, weil ich es faszinierend fand, dass Menschen dazu in der Lage sind, sich nur mit Gesten zu verständigen. Er bemerkte meinen interessierten Blick, aber statt irritiert oder gar wütend zu sein, lächelte er und winkte mir freundlich zu. Ich winkte und lächelte zurück und dann machte er seine Begleiter auf mich aufmerksam, bis irgendwann die ganze Gruppe lächelte und winkte und die Metro weiterfuhr. 

Am zweiten Tag sind wir an den Strand gefahren. So früh im Jahr bin ich bisher noch nie am Meer gewesen, also ein ganz besonderes Privileg, über das ich mich sehr gefreut habe. Optimistisch, wie ich selten bin, habe ich sogar Bikinis in meinen Koffer gepackt, bei der Ankunft im Süden der Stadt war mir aber schnell klar, dass ich im April im Mittelmeer ein flüchtiger Wunschtraum bleiben würde. Doch trotz der kalten Temperaturen und dem erbarmungslosen Wind, badeten ein paar Kinder, die bereits jetzt so braun waren, wie ich es nie sein würde, im Wasser. Alleine ihr Anblick ließ mich frösteln, machte mich aber trotzdem seltsam glücklich, da sie mich an mich selbst vor vielen Jahren erinnerten. An der Promenade gab es ein paar Spiel- und Fitnessplätze und gerade letztere waren gut besucht. Junge Männer mit aufgepumpten Oberkörpern machten Klimmzüge um die Wette, ohne sich daran zu stören, dass ihre dünnen Beinchen denen von Schulbuben glichen. Diese seltsam unproportionierten Körper ließen mich unwillkürlich grinsen und das gab mir ein so gutes Gefühl, dass ich mich beinahe selbst gerne am Reck versucht hätte. 

Die Strandpromenade ist gesäumt von teuren Cafés und Bars mit Livebands. Es war später Nachmittag, aber ich stellte mir vor, wie ich am Abend unterwegs wäre, mit Freunden. Wir würden erst ein bisschen rumjammern, weil alles so teuer war, uns dann aber sagen, dass das doch vollkommen egal sei, wir wären schließlich nur einmal jung und würden uns in eine besonders schöne Strandbar setzen. Die Cocktails wären der Wahnsinn und irgendwann würden wir anfangen zu tanzen, angefeuert von den sympathischen Spaniern, denen das Rhythmusgefühl im Blut lag. Um uns nach einigen Stunden abzukühlen, würden wir nach draußen treten an die frische Meeresluft, und durch den Sand bis ans Ufer stapfen. Ein paar mutige würden sich ausziehen und einfach nackt ins Meer springen und mir zurufen, dass das Wasser gar nicht kalt sei, wenn man erst mal drinnen ist. Ich hätte keine Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussage und würde ihnen nach nur kurzem Zögern folgen. 

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Eine wirklich wunderbare Sache war, dass es jeden Morgen frische Erdbeeren gab. Ich habe bereits seit ich denken kann eine innige Liebe zu diesen roten Früchten und habe am ersten Abend gegen elf einfach eine günstige Palette Erdbeeren im kleinen Tante-Emma-Laden vom Pakistani mitgenommen. In Deutschland würde ich diese Erdbeeren auch bekommen, allerdings für den Preis mal drei, zusätzlich würden sie nach nichts schmecken, da sie noch unreif geerntet wurden. Aber hier sind die spanischen Erdbeeren die einheimischen Erdbeeren und deshalb das Beste, was einem passieren kann. 

Generell macht es Spaß, in Barcelona Essen zu kaufen. Direkt an unserer Metrostation war eine Markthalle, seltsam eingelassen in den Boden, fast ein bisschen so wie das Untergeschoss von großen Kaufhäusern. Aber erst mal darin, befand man sich in einer ganz anderen Welt. Ganz zu schweigen vom riesigen Markt neben der Rambla! Gut jeder zweite Stand verkaufte Fleisch, aber trotz langjährigem Vegetarierdasein habe ich interessiert in die Vitrinen gesehen. Da gab es ganze Hühner und Kaninchen, unberührt bis auf die Tatsache, dass man ihnen die äußere Haut abgezogen hatte und die Gesichter von Schweinen, die aussahen wie wächserne Masken. Schafköpfe mit weit aufgerissenen Augen, als wären sie erstaunt darüber, was mit ihnen so plötzlich geschehen war. (Achtung, davon befindet sich unten ein Foto!) Fische mit Rippenkäfigen so groß, dass ein kleines Kind darin Platz gefunden hätte und riesige, getrocknete Keulen, die von den Dächern der Stände hingen. Aber auch frisches Obst und Gemüse und Gebäck so gut, dass mir jetzt noch der Gedanke daran das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Das beste Crossaint in meinem bisherigen Leben habe ich weder in Paris gegessen, noch in der Bretagne, sondern im Herzen von Barcelona.
Wie gewohnt sprachen auch hier die Menschen wenig Englisch, aber mit Händen und Füßen, viel Mimik und Gestik und dem mehr schlecht, als rechtem Italienisch von meinem Papa war das zumindest einkaufstechnisch kein großes Hindernis. Trotzdem hätte ich mich gerne etwas ausführlicher mit den Einheimischen unterhalten, besonders die Älteren sahen oft so aus, als hätten sie Geschichten zu erzählen, die es verdienen würden, gehört zu werden.


Kommentare:

  1. Fantastisch!! Der Text ist so wahnsinnig schön geschrieben, ich habe ihn total gerne gelsen, wie eigentlich alle deine Texte :) Mein Fernweh hat sich jetzt mindestens verdreifacht (obwohl schon von natur aus immer großes Fernweh habe...). Die Bilder sind auch mal wieder traumhaft (bis auf das vorletzte, da dreht sich mein Magen um, wenn ich das sehe^^).

    Liebe Grüße
    Vanessa

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  2. Sehr passend, denn ich fliege in zwei Wochen nach Barcelona!!
    Und toll geschrieben, das kannst du wirklich super!
    nur das Bild mit den Köpfen und den Augen ist schrecklich. Ich hab für sowas zu schwache Nerven, bin (auch) Vegetarierin und krieg von sowas Alpträume!
    Wie konntest du als Vegetarierin so ein Bild machen? Brrrrr!!! ^^
    lg
    Esra

    http://nachgesternistvormorgen.de/

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    1. Vielen Dank <3
      Tut mir leid, wenn dich das Bild erschreckt hat ^^"
      Ich bin unter anderem aus dem Grund Vegetarierin, weil ich bei der anonymen Massenabschlachtung von Tieren nicht mitmachen möchte. Die wenigsten Menschen um mich herum essen ihr Fleisch in seiner ursprünglichen Form, sondern lieber gut verpackt in der Bolognese oder im Burger, sodass man ja nicht erkennt, um was es sich dabei mal gehandelt hat.
      Wenn ich solche Bilder wie das da oben sehe, dann sehe ich das eigentlich ziemlich positiv, weil das bedeutet, dass die Menschen, die regelmäßig auf dem Markt einkaufen, den Bezug zum Tier noch nicht verloren haben und es vielleicht ein bisschen besser würdigen.
      Außerdem sehe ich meine Aufgabe als Fotografin auch irgendwo im dokumentarischen Bereich. Natürlich hat ein Fotograf immer einen selektiven Blick und was ihr auf meinen Fotos seht, ist nur ein winzig kleiner Teil der Welt, so wie ich sie sehe, aber dieses Bild war für mich so eindringlich und hat zu meinen Erlebnissen derartig dazugehört, dass ich es gerne fotografieren und veröffentlichen wollte (zumal im Text dazu ja auch die Rede davon ist ^^). Ich persönlich finde es ganz interessant, so etwas mal zu sehen, hoffe aber, dass deine letzte Nacht ruhig verlaufen ist? :/

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    2. Stimmt, natürlich hast du recht! Ich finde es auch richtig, hinter die Fassaden zu schauen, sozusagen.
      Jaja, ich habe gut geschlafen, keine Sorge :D Hab halt echt ne niedrige Ekelgrenze . Ich esse Fisch immer noch (leider), aber wenn ich einen Fischkopf auf meinem Teller sehen würde, würde ich ausflippen. Ganz schön heuchlerisch, ich weiß...
      Respekt, dass du so konsequent bist!!
      lg
      Esra

      http://nachgesternistvormorgen.de/

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  3. Ich lese deinen Blog und deine Artikel immer gerne. Auch wenn mich als Mann der vorige Artikel mit der Schminke nun nicht so interessiert hat. :P
    Aber dein Schreibstil ist erfrischend und du schaffst es mit wenigen prägnanten Worten ein eindrucksvolles Bild in den Köpfen deiner Leser zu erwecken. Wenn du genügend Fantasie und vorallem Durchhaltevermögen hast, dann überleg doch mal ein Buch zu schreiben. Die handwerklichen Vorraussetzungen sind dir gegeben. Hast du darüber schon mal nachgedacht?
    Ich freue mich auf weitere Einträge über deine Reise nach Barcelona. Das Bild mit den Möwen ist mein absoluter Liebling. Aber auch das vorletzte finde ich äußerst faszinierend.
    Beste Grüße und weiter so.

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    1. Hey Sven, wie schön, weider von dir zu lesen! :)
      Vielen Dank für dieses unglaublich liebe Kompliment, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich das gerade gerührt hat! Es beruhigt mich vor allem, dass du das vorletzte Foto nicht abscheulich findest, kurzzeitig hatte ich nämlich schon überlegt, es wieder herauszunehmen! Ein Buch? Das ist eine gute Frage, ich habe darüber auch schon nachgedacht, allerdings fallen mir keine wirklichen Plots ein, sondern nur unzusammenhängende Textfetzen. Aber wenn man bedenkt, dass ich noch vor einem Jahr gar nicht geschrieben habe, ist das ja schon mal eine Steigerung :)

      Viele liebe Grüße nach Hamburg!

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  4. Du schreibst einfach so unglaublich schön, Svenja. (: Jedes Mal verliere ich mich aufs Neue in deinen Texten und könnte stundenlang weiter lesen.
    Die Fotos sind wirklich toll geworden, ich finde man sieht richtig gut, dass du Momente mit deiner Kamera eingefangen und so für immer festgehalten hast.

    Liebe Grüße (: <3

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    1. Ach Laura, vielen, vielen Dank! Ich hoffe, der Post konnte dir deinen Vormittag ein wenig versüßen ^^

      <3

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  5. echt ganz ganz wunderschöne Bilder!! sieht nach einer echt tollen Stadt aus (:
    liebe Grüße Sandi <3
    sunny-blossom-photography.blogspot.de

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    1. Tausend Dank! Ja, das ist sie, ein Besuch lohnt sich in jedem Fall :)

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